The Edge of Control

Am vergangenen Wochenende hat in Köln erstmals die Chaos.Cologne Konferenz stattgefunden. Organisiert vom Chaos Computer Club in Zusammenarbeit mit der KHM hat die 1C2 zwei Gruppen zusammengebracht, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemein zu haben scheinen – Hacker und Künstler. Unter dem Motto The Edge of Control standen die Folgen des digitalen Fortschritts im Fokus – sowohl die guten, als auch die fragwürdigen. Spannende und förderungswürdige Projekte wie Open Source Hardware, Freifunk und Jugend-Medien-Arbeit wurden den Snowden-Enthüllungen und der NSA-Überwachung im Spannungsfeld des digitalen Fortschritts gegenübergestellt.

Kunst, Hacker und Aktivisten

Bei dem Begriff „Hacker“ denken viele Menschen direkt an Datendiebe, böswillige Malware-Programmierer, kurz: Verbrecher. Die bösen Menschen, die mit Strumpfmaske über dem Gesicht an ihrem Laptop sitzen – tausende Stockfotos können ja nicht lügen.

Auf der 1C2 hatte dieses Bild der böswilligen Hacker wenig Bedeutung, vielmehr stand der Hacker als politischer Aktivist im Vordergrund. Und hier ist auch die Schnittstelle zur Kunst zu finden; sowohl Hacktivismus als auch Kunst sind gar nicht so unterschiedliche Ansatzpunkte politischer Interventionen, die – so die überwiegende Meinung, die sich in den Vorträgen widerspiegelte – so dringend benötigt werden.

In diese Richtung ging auch die Keynote von Cornelia Sollfrank, die die zentrale Rolle des Hackers in der Wissensökonomie herausstellt als Produzent von Informationen – und die Kunst in einem Atemzug mit dem Hacking nennt. Ein Beispiel für diesen Zusammenhang ist natürlich die Netzkunst; Sollfranks eigenes Projekt „Female Extension“ zeigte bereits Anno ’97, wie ein Hack zur Kunst werden kann, und vice versa.

A Hacker Manifesto

Snowden und #Überwachung

Wenn man von digitalem Fortschritt, neuen technischen Möglichkeiten und den politischen Aspekten derselben spricht, gelangt man schnell zu den Snowden-Leaks und zur NSA-Überwachung. Hier wird die Diskussion sehr hitzig geführt: Was dürfen Geheimdienste, was nicht, wer ist verantwortlich, was ist eigentlich das Problem, wer ist betroffen und – natürlich – was tun? Auch auf der 1C2 waren die Ansichten über diese Fragen sehr unterschiedlich.

Um gegen ein System vorgehen zu können, muss man es verstehen. Das gilt auch für die NSA-Überwachung. Hinter dem Akronym, das als Rädelsführer der Government Surveillance gilt, steht eine Vielzahl von Abteilungen, in denen unterschiedliche Programme laufen, die zur Überwachung unterschiedlicher Daten dienen. Der Vortrag NSA Surveillance aus Prozesssicht ermöglichte einen Einblick in die National Security Agency als das, was sie ist: Ein Dienstleister. Dabei ging es nicht um hochsensible Geheimnisse, die auf dem Hinterhof von einem finsteren Typen mit langem Mantel feilgeboten werden. Spätestens seit den Snowden-Leaks kann jeder mit einem Laptop und einer Internet-Verbindung diese Informationen selber finden – macht nur keiner.

Don't *** the Internet

Dies führt zu einem weiteren Problem: Einer Diskrepanz zwischen der Personengruppe, die aktiv gegen die Überwachung vorgeht und denjenigen, die am stärksten davon betroffen sind. Nicht jeder verfügt überZeit, Inzentiv und technische Kompetenz, um über TOR, PGP u.Ä. seine Kommunikation zu verschlüsseln, digitale Fußstapfen zu vermeiden und für die grauen Herren des Internets unsichtbar zu bleiben. Und gerade die, die das nicht können oder nicht ahnen, dass sie es vielleicht sollten, sind von der Überwachung am meisten gefährdet.

So auch die Meinung von tomate / Herr Urbach, der im Vortrag Verschlüsselt die Revolution deutliche Worte für all jene fand, die lauthals zur Revolution gegen die böse NSA aufrufen. Die digitalen Ansätze, mit denen ein kleiner Teil der Bevölkerung sich gegen die Überwachung wehrt (sprich: Verschlüsselung) seien keine Lösung. An jeder Guy Fawkes Maske, die sich ein selbsternannter Internet-Aktivist bei Amazon bestellt, verdient Time Warner. Der Personenkult um gewisse Individuen wie Edward Snowden, Julian Assange und Chelsea Manning gehe am eigentlichen Problem vorbei. Die „Revolution“ sei vielmehr an anderer Stelle erforderlich: Nämlich auf politischer Ebene. Denn Mutti watcht (watche?) eben nicht.

Mutti is watching

Und die guten Seiten?

Fernab von Überwachung, NSA und Revolution wurden auf der Konferenz verschiedene Projekte vorgestellt, die erst durch diese neuen Technologien ermöglicht wurden. So beispielsweise das Open Source Hardware Projekt von Jennifer Glauche, die Baupläne für medizinische Gerätschaften für 3D-Drucker programmiert. Diese können bei Materialkosten von oftmals unter einem Euro ausgedruckt werden – und stehen den teuren Industrieprodukten in nichts nach, übertreffen sie mitunter sogar. Die Pläne werden im Netz als Open Source zur Verfügung gestellt.

Im Vortrag Open Source ist Software unter Freunden hat sich der Teckids e.V. vorgestellt – ein Verein, der Informatik-Workshops und Freizeitangebote organisiert, um Kindern und Jugendlichen moderne Technologien näherzubringen. Dabei steht der Community-Gedanke im Vordergrund; Ziel ist nicht der Output von möglichst vielen Codezeilen in kürzester Zeit, sondern der Aufbau von langfristigen Beziehungen und Freundschaften.

Fazit: Ein bisschen von allem

Die erste Chaos.Cologne hat viele Themenbereiche angeschnitten, die miteinander auf verschiedene Weisen zusammenhängen. Die Schnittstellen von Kunst, Hackern und politischem Aktivismus wurden genauso thematisiert wie technische Innovationen und die Bedeutung dieser für das alltägliche Leben – sowohl in Bezug auf Überwachung und digitale Dystopie, als auch voller Hoffnung darauf, was die neuen technischen Möglichkeiten ermöglichen könn(t)en. Spannend wurde es besonders dort, wo beides möglich ist. Zum Beispiel gab es einen Vortrag über die videobasierte Auswertung von Biosignalen. Ein an eine Kamera angeschlossener Computer könnte schon in wenigen Jahren in der Lage sein, allein auf Basis des Videofeeds Gesundheitszustand und emotionale Verfassung eines Menschen zu erkennen – aber ob dies dazu genutzt wird, Krankheiten zu diagnostizieren oder potenzielle Aufrührer frühzeitig niederzuknüppeln, ist eine andere Frage.

Gentlemen, we have the technology. Aber was werden wir damit anfangen?

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